Neues VVV-Projekt:
Zeitzeugenbefragung „Burgdorf 1933-1945“


KdF-Sportfest am 22. August 1937 im Burgdorfer Stadion

Noch gibt es Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die über die Herrschaft des nationalsozialistischen Regimes zwischen 1933 und 1945 berichten können.  Doch ihre Anzahl nimmt unvermeidlich auch in Burgdorf von Jahr zu Jahr ab.  Um zu verhindern, dass ihre  Erinnerungen an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte nicht in Vergessenheit geraten,  startet der VVV das neue Projekt „Zeitzeugenbefragung“. Ziel ist es,  die individuellen und somit authentischen Erfahrungen von Menschen,  die ihre Kinder- und Jugendjahre in Burgdorf zwischen 1933 und 1945 verbracht haben,  in Form von Interviews oder als Audioaufzeichnungen festzuhalten. Solange es noch möglich ist, soll so die Möglichkeit genutzt werden, abseits der durch Geschichtsbücher vermittelten distanzierten Sachinformationen das Leben im Burgdorf der NS-Zeit direkt und ohne jede Voreingenommenheit erfahrbar zu machen.    Der VVV sucht noch weitere Interviewer, die sich an den Befragungen und der anschließenden Erstellung einer umfassenden Dokumentation beteiligen möchten.  Ansprechpartner für detailliertere Informationen ist VVV-Geschäftsführer Gerhard Bleich (Tel. 05136 – 1862).  Gesucht werden zudem Exponate aus jener Zeit,  die für die Aufnahme in das Archiv geeignet sind und damit für zukünftige Ausstellungen zur Verfügung stehen.   

Von der Machtergreifung bis zum Kriegsende

Bei den Interviews geht es darum,  zu erfahren,  welche persönlichen Erlebnisse die Befragten mit der 1933 vollzogenen Machtergreifung der Nationalsozialisten in Burgdorf und dem schmachvollen Ende der Weimarer Republik als erstem demokratischen Regierungsgebilde in Deutschland verbinden?  Wie hat dies ihre  Kindheit beeinflusst? Haben die Eltern mit Jubel,  Begeisterung oder mit Skepsis auf die veränderten politischen Verhältnisse reagiert, die einen scheinbaren Ausweg aus der katastrophalen wirtschaftlichen Lage Deutschlands boten? Welchen Auswirkungen hatte dies auf das alltägliche Leben der Familien?  Aus heutiger Sicht ist es offensichtlich, dass die  nationalsozialistischen Machthaber Unmenschlichkeit, allumfassende Propaganda und ideologische Gleichschaltung aller Bevölkerungsgruppen als Instrumente der totalen Unterdrückung nutzten.  Konnten die damals Heranwachsenden und ihre Familien innerhalb einer kleinen Stadt wie Burgdorf  dies ebenfalls in aller Deutlichkeit durchschauen? Haben Sie das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der zwangsweise vorgeschriebenen Mitgliedschaft  in der Kinderschar,  Hitlerjugend und des Bundes deutscher Mädel nicht eher als positiven Einfluss wahrgenommen?  Bewunderten sie dabei den „Führer“ Adolf Hitler als Vorbildfigur und Vorkämpfer für eine neue Zeit?  Schließlich gaukelte ihnen und ihren Familien die offizielle Nazi-Propaganda dies tagtäglich vor und konnte dabei den verbrecherischen Charakter des Regimes  hinter dieser Fassade anfangs erfolgreich verbergen.  Mit diesen Fragenkomplexen wendet sich die vom VVV initiierte Befragung an Zeitzeugen, die sich bereit  erklären, die Jahre ihres Heranwachsens zwischen 1933 und 1945 noch einmal in Erinnerung zu rufen.  Sie sind aufgerufen, ihrem Gesprächspartner einen unverfälschten Einblick in ihre damalige Lebens- und Gefühlswelt zu geben.   Der VVV wendet sich auch an die Nachkommen von bereits verstorbenen Zeitzeugen. Wenn sie sich an Erzählungen ihrer Eltern oder anderer Verwandte über deren Burgdorfer Kinder- und Jugendjahre in der Zeit des Nationalsozialismus erinnern,  sind diese Berichte ebenfalls willkommen.

Verlust der städtischen Selbständigkeit


Die mit dem Naziregime verbundenen  radikalen politischen Umwälzungen, die schließlich in den von Adolf Hitler verschuldeten 2. Weltkrieg mündeten, hatten in Burgdorf sicher nicht dieselbe Tragweite wie in den großen deutschen Städten.   Wichtigste Auswirkung war der Verlust der städtischen Selbstständigkeit.  Die Stadt ließ sich zum Befehlsempfänger der in der Stadt von zahlreichen Handlangern vertretenen NS-Parteiorgane degradieren. Sie verkündete 1935, dass sie nur noch Aufträge an Geschäftsinhaber vergeben würde, die Mitglieder der Deutschen Arbeitsfront (DAF) waren. Die Kreisleitung der NSDAP, die wie die SA in der Hannoverschen Neustadt 49 untergebracht war, sorgte ebenso wie die Ortsgruppenleitung in der Hannoverschen Neustadt 20 dafür, dass das Burgdorfer Alltagsleben im Sinne des Nationalsozialismus ablief.  Insgesamt gab es über 20 NS-Organisationen in der Stadt. Einen erheblichen Stellenwert hatten zudem öffentliche Versammlungen, Parteitage und Aufmärsche, der ideologiekonforme Schulunterricht sowie NS-Organisationen wie die Hitlerjugend (HJ), der Bund Deutscher Mädel (BDM) oder das Winterhilfswerk (WHW).  Auch in Burgdorf waren diese Einrichtungen aktiv und griffen massiv in das Alltagsleben der Menschen ein.  So organisierten die örtliche HJ und der BDM große Aufmärsche durch die Innenstadt und im Stadion.

Die volle Wucht des Zweiten Weltkrieges traf die Burgdorfer im letzten Kriegsjahr 1945,  als zahlreiche Todesopfer bei zwei massiven Bombenangriffen zu beklagen waren.  Schon vorher schlugen vereinzelte Bomben in der Stadt und den umliegenden Dörfern ein.   Viele Burgdorfer  Familien  hatten bereits in den  vorangegangenen Kriegsjahren  den Verlust des Ehemannes oder Sohnes  an der Front zu beklagen.